ElbschulEltern

ÜBERGÄNGE – Bericht von unserer Inklusionsveranstaltung

Foto: I. Helke

Über 80 Personen folgten unserer Einladung zusammen mit dem Gehörlosenverband Hamburg, der Jugendgruppe sowie der Elterngruppe hörbehinderter Kinder im BdS e. V. in die Stadtteilschule Hamburg-Mitte. Im Fokus unserer diesjährigen Inklusionsveranstaltung stand das Thema „Übergänge und ihre erfolgreiche Gestaltung“. Die Jugendgruppe im BdS e. V. hat auf ihrer Homepage bereits wunderbar über den Ablauf der Veranstaltung berichtet, so dass wir uns – ohne Anspruch auf Vollständigkeit! – auf die Diskussion und offen gebliebenen Fragen in unserem Bericht konzentrieren wollen.

Impulsvorträge

Im ersten Impulsvortrag gaben Ingrid Roth und Wolfgang Schulz von der Elbschule einen Überblick, wie der Übergang von hörbehinderten Kindern in die Grundschule und später auf die weiterführende Schule seitens der Elbschul-Ambulanz organisiert ist. Dabei ist die Unterscheidung zwischen §12-Status und „Beratung & Unterstützung“ – kurz B&U – wichtig. Schüler mit einem speziellen sonderpädagogischen Förderbedarf erhalten nach §12 des Hamburger Schulgesetzes eine schülerbezogene Ressource. Zirka 150 der 350 Schüler, die von der Elbschule ambulant betreut werden, haben ein entsprechendes Gutachten und damit den §12-Status. Sie können zwischen einer Schwerpunktschule (Grund- bzw. Stadtteilschule), Gymnasium oder der Elbschule wählen. Schüler mit „B&U“-Bedarf können hingegen jede Grund- und Stadtteilschule anwählen.  Schon während des Vortrags gab es intensive Rückfragen, insbesondere zur Bedeutung der Verteilerkonferenz und zum Konzept der Schwerpunktschulen. Mehr dazu später bei der Dialogrunde „Schule in Hamburg“.

Im zweiten Impulsvortrag informierte Birgit Zeidler über die Aufgaben der Ombudsstelle ‚Inklusive Bildung‘ in Hamburg. Als Ombudsfrau bietet sie kostenlose, neutrale, zeitnahe sowie unabhängige Hilfe bei Fragen zur sonderpädagogischen Förderung und zur inklusiven Bildung an. Darüber hinaus beraten und vermitteln sie und ihre Kollegen in Konfliktfällen und bei Widerspruchsverfahren. Sie ermunterte die anwesenden Eltern, die Rechte ihrer Kinder einzufordern und dafür auch die Unterstützung der Ombudsstelle anzunehmen. Zeitgleich bat sie Schulleitungen und Lehrkräfte, die Ombudsstelle u. a. durch Aushänge bekannter zu machen, und plädierte an die Politik, in weiteren Bezirken eine Ombudsstelle für die Kinder- und Jugendhilfe einzurichten.

Johannes Eitner (Schulleiter der Elbschule) berichtete anschließend in seinem Impulsvortrag von den ersten Erfahrungen mit den inklusiven Klassen an der Elbschule und gab anschließenden einen Ausblick in die Zukunft. Der Schulversuch der inklusiven Klassen ist für ihn ein Inklusionsmodell für die gesamte Elbschule. Zwar werden gehörlose, schwerhörige und hörende Kinder im Kernunterricht teils getrennt unterrichtet, doch bietet die Elbschule durch den Ganztag eine ‚inklusive Erlebnisplattform‘.

Im letzten Impulsvortrag hatte Prof. Dr. Hänel-Faulhaber von der Universität Hamburg gleich zwei Themen: Zum einen begleitet sie den Schulversuch der inklusiven Klassen von wissenschaftlicher Seite. Dabei stehen Fragen zur kommunikativen Partizipation, sozialen und emotionalen Integration sowie zu Peer Groups im Fokus der Forschung. Zum anderen berichtete sie vom Stand der Lehrerbildungsreform in Bezug auf schulische Inklusion, deren Umsetzung aktuell in verschiedenen Gremien diskutiert wird.

 

  • Vortrag Ingrid Roth und Wolfgang Schulz - Elbschule

 

Alle Impulsevorträge können als PDF heruntergeladen werden – einfach auf den Link im Text oder auf die Grafik klicken! Nach den Vorträgen und einer kurzen Pause begannen die Dialogrunden:

Dialogrunde „Ausblick Inklusion“

mit Johannes Eitner (Elbschule), Prof. Barbara Hänel-Faulhaber (Universität Hamburg), Ines Helke (Jugendgruppe im BdS e. V.), Alexander von Meyenn (Gehörlosenverband Hamburg e.V.), Dr. Stefanie von Berg (schulpolitische Sprecherin BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Die erste Dialogrunde fand entgegen der Planung im großen Plenum statt, da trotz intensiver Suche nicht genügend Dolmetscher zur Verfügung standen. Caren Degen (ElbschulEltern) knüpfte in der Moderation direkt an den Vortrag von Johannes Eitner an. Auf Nachfrage wurde deutlich, dass sich der fünfjährige Schulversuch der inklusiven Klassen an hörgeschädigte Schüler mit §12-Status und hörende Schüler aus dem Bezirk Altona wendet. Damit sind leicht bis mittelgradig hörgeschädigte Schüler mit dem sogenannten „B&U“-Bedarf sowie gehörlose Schüler, die einen bilingualen Unterricht benötigen, derzeit von dem Angebot ausgeschlossen. Als „zukunftsweisend“ in diesem Konzept sieht Prof. Dr. Hänel-Faulhaber, die bereits andere Schulversuche wissenschaftlich begleitet hat, die Chance auf partizipative Kommunikation, u. a. durch den verpflichtenden DGS-Unterricht für alle.

Die Frage, ob es in naher Zukunft ein bilinguales, inklusives und vielleicht sogar wohnort-nahes Angebot für gehörlose Schüler in Hamburg geben wird, wurde weder von der Politik (Dr. Stefanie von Berg) noch von der Elbschule bejaht. Johannes Eitner warb in diesem Zusammenhang um Geduld und Zeit, um den Schulversuch in Ruhe zu evaluieren. Er verwies zudem auf die Historie der beiden getrennten Abteilungen an der Elbschule. Unabhängig vom Schulversuch soll die Durchlässigkeit in alle Richtungen prozesshaft ständig erweitert werden.

Aufgrund der Nachfragen zu Schwerpunktschulen und Verteilerkonferenz wurde Johannes Eitner gefragt, wie viele hörgeschädigte Schüler von der Elbschule an einer allgemeinen und an einer Schwerpunktschule betreut werden und ob Qualitätsunterschiede zu beobachten seien. Da die Vorgabe der Schulbehörde für §12-Schüler erst seit letztem Jahr für hörgeschädigte Schüler greift, war diese Frage leider nicht konkret zu beantworten. Die Frage, ob die Bündelung von hörgeschädigten Schülern an Schwerpunktschulen in der Praxis zu Peergroup-Erlebnissen führt, blieb ebenfalls offen. Der Wunsch nach Qualitätsstandards führte dann bereits zur letzten Frage. Sie wurde mit Blick auf die aktuellen Verhandlungen mit der Volksinitiative „Gute Inklusion“ an Dr. Stefanie von Berg gerichtet. ‚Dort werde nur über Quantität und nicht über Qualität verhandelt‘. Als Unterstützer der Volksinitiative fordern wir räumliche und personelle Ressourcen, damit zukünftig Qualitätsstandards gewährleistet sind (vgl. auch Pressemitteilung vom 5. Oktober 2017).

Aufgrund der verkürzten Zeit blieb leider keine Zeit für den Themenkomplex Gebärdensprache. Im Juni 2015 hat die Hamburger Bürgerschaft beschlossen Deutsche Gebärdensprache in Hamburger Schulen als Wahlpflichtfach zu ermöglichen. Inzwischen wurde der notwendige Rahmenlehrplan erstellt. Sehr gern hätten wir noch die Zeit gehabt, zu erfahren, wie viele Schulen dieses Schuljahr einen DGS-Kurs anbieten und was die Schulbehörde unternimmt, damit die ersten Schulen mit diesem Angebot starten.

 

Schule in Hamburg

mit Ingrid Roth (Elbschule), Martin Gustorff (Behörde für Schule und Berufsbildung), Christina Beusse-Schlegel (Schulleiterin der STS Hamburg- Mitte), Maria Hufert (Abteilungsleitung Jg. 0-6, Erich Kästner Schule), Petra Ludwig (Schulleiterin – Grundschule Alsterdorfer Straße), Nele Möller (ehemalige Schülerin der STS Hamburg-Mitte), Meike Heinsohn (ElbschulEltern)

Schon während des ersten Vortrags gab es konkrete, teils auch sehr emotionale Nachfragen, auf Basis welcher Kriterien Schülerinnen und Schüler (SuS) in der Verteilerkonferenz an die Schulen ‚verteilt‘ werden. Martin Gustorff erläuterte, dass die Verteilerkonferenz ein organisatorischer Vorgang für alle SuS in Hamburg sei. Laut seiner Auskunft können alle Schwerpunktschulen von SuS mit §12-Gutachten angewählt werden, solange die Entfernung “zumutbar” sei. Eine exakte Entfernung, die nicht überschritten werden darf, wurde auf Nachfrage nicht genannt.

Leider blieb nicht die Zeit, konkreter nachzufragen und damit bleibt für uns weiterhin unklar, ob §12-Schüler wie in den Jahren vor 2017 „vorrangig“ auf der Verteilerkonferenz berücksichtigt werden. Die Antworten des Senats auf die Schriftlichen Kleinen Anfragen (u. a. Drucksache 21/9355) waren zumindest für uns Eltern nicht eindeutig formuliert. Auch im Laufe der Dialogrunde wurde das Thema nicht weiter konkretisiert, so dass die Befürchtungen von Eltern, dass ihr Kind ohne Berücksichtigung seines besonderen Förderschwerpunkts an die nächst liegende Schwerpunktschule ‚verteilt‘ wird, nicht vollständig entkräftigt wurde.

Das Konzept der Schwerpunktschulen bestimmte wesentlich die Diskussion in der von Beatrice Hatje (Stadtteilschule Hamburg-Mitte) moderierten Runde. Martin Gustorff berichtete, dass die Schulbehörde die Schwerpunktschulen weiter ausbauen und stärken möchte. Ziel ist es, dass alle Schwerpunktschulen alle Förderschwerpunkte fachlich abdecken. Dabei geht es ihm vor allem um die Entwicklung und Förderung einer „adaptiven Lehrerhaltung”, denn sie ist die Grundlage dafür, dass sich Pädagogen den individuellen Bedürfnissen eines jeden Schülers annehmen können. Leider fehlte auch hier die Zeit konkreter nachzufragen, welchen Zeitrahmen sich die Schulbehörde für diese Entwicklung gesetzt hat. In dem Positionspapier zur inklusiven Beschulung von SchülerInnen mit einer Behinderung fordert das Bündnis für Inklusion, gezielt die Qualitätsentwicklung zu fördern. Zudem plant die Schulbehörde, alle Förderbereiche an allen Schwerpunktschulen auszubauen und die Anzahl der Schwerpunktschulen zu erhöhen.

Zu Thema Übergänge machten die anwesenden Schulleitungen deutlich, dass Übergänge eine sensible Stelle in den Bildungsbiographien aller Kinder sind. Das gilt für Kinder mit einer Behinderung ganz besonders. Auch für ihre Eltern ist diese Zeit in besonderem Maße herausfordernd. Zur positiven Gestaltung von Übergängen brauchen Schulen daher vor allem Zeit – zum Beispiel Zeit für Gespräche mit Kindern und Eltern, Zeit für gegenseitige Hospitationen, Zeit für besonders gestaltete Informationsangebote oder auch Zeit für vorbereitende Maßnahmen wie zum Beispiel erforderliche Raumausstattung.

Von Elternseite wurde das Argument ‘Stärkung der Peergroup’ hinterfragt. Denn nur durch das ‘Anhäufen’ von SuS an einer Schwerpunktschule, aber ohne besondere Maßnahmen zur Identitätsstärkung  entstehe noch keine Peegroup. Ein bis zwei Kinder pro Jahrgang lernen sich nicht unbedingt kennen, nur weil sie dieselbe Behinderung haben.

Mit Blick auf unser Thema Übergänge und deren Gestaltung blieb uns im Nachgang noch eine Aussage der Elbschule im Gedächtnis. Sinngemäß war die Formulierung, dass die Elbschule erst mit der zukünftigen Schule Kontakt aufnehmen und mit ihrer Beratung starten kann, wenn sie erfahren hat, welche Schule es geworden ist. Gibt es hier tatsächlich keinen standardisierten Kommunikationsprozess, der dafür sorgt, dass die Elbschule unmittelbar nach der Verteilerkonferenz über die zukünftige Schule ihrer ambulant betreuten Schüler informiert wird? Dies würde erklären, warum nach Elternangaben bei jedem 5. Kind keine Maßnahmen zur Gestaltung des Übergangs ergriffen wurden (vgl. Ergebnisse aus unserer Online-Umfrage ÜBERGÄNGE)

 

Vor- und außerschulische Bildung

mit Birgit Zeidler (Ombudsstelle Inklusive Bildung), Christiane Garvs (Elbschule), Sofia Wegner (Beratungsstelle sichtbar! – Erziehungshilfe e. V.), Annika Steiner (Kita-Leiterin Kroonhorst – Elbkinder), Niklas Gantz (Jugendgruppe im BdS e.V.), Miriam Scheele (Eltern hörbehinderter Kinder im BdS e.V.)

Diese Runde wurde von Thomas Worseck (Gehörlosenverband Hamburg) moderiert. In der Diskussion wurden viele Themen angesprochen: Von der Vernetzung mit der Selbsthilfe und der Bedeutung von Vorbildern, über den Wunsch, den Normalisierungsdruck für unsere Kinder zu nehmen und Peergroups zu fördern, bis hin zu der Forderung nach transparenten Informationen.

Die angeregte Diskussion führte leider dazu, dass zwei für uns wichtige Fragen aus der Vorbereitung nicht gestellt wurden:

  • Für Schüler gibt es die Ambulanz, die am Lernort unterstützt und wichtiges Wissen an die Lehrkräfte weitergibt. Im Sommer 2016 wurde das Ambulanzmodell aufgestockt und die uns bekannten Rückmeldungen sind sehr positiv. Plant die Frühförderung, ein analoges Ambulanzmodell für Kitas einzuführen? Auch um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für die betroffenen Familien zu erleichtern.
  • Alle Hamburger Kinder erhalten von der nächstgelegenen Grundschule die Einladung zur 4,5Jährigen Untersuchung. Dies kann, muss aber nicht eine Schwerpunktschule sein. Für Eltern, deren Kinder bereits durch die Frühförderung der Elbschule betreut und damit automatisch zum Schnuppertag eingeladen werden, ist dies ein zusätzlicher Termin ohne Mehrwert. Die Lehrkräfte vor Ort sind nicht auf hörgeschädigte Kinder eingestellt und kennen zum Teil die Elbschule nicht. Wie kann der Prozess bzw. die Kommunikation zwischen Elbschule und Grundschulen optimiert werden, um die 4,5 Jährigen Untersuchung entweder sinnvoll zu gestalten? Zum Beispiel könnten die Gespräche für Kinder mit festgestelltem, sonderpädagogischem Förderbedarf an der nächstgelegenen Schwerpunktschule mit Sonderpädagogen stattfinden.

 

Herzlichen Dank @ alle – und wie geht es weiter?

Zuerst möchten wir uns bei allen Beteiligten herzlich für ihre Zeit, ihr Engagement und die intensiven Diskussionen bedanken. Der Zeitrahmen war knapp und nicht alle Fragen konnten gestellt bzw. erörtern werden. Doch hoffen wir, dass wir mit dieser Veranstaltung einen Rahmen für intensiven Austausch bieten konnten. Feedback gerne direkt per E-Mail an uns!

Von den vielen offenen Fragen haben wir vier Themen ausgewählt, die wir weiter verfolgen wollen und die entsprechenden Verantwortlichen ansprechen werden:

  • Verteilerkonferenz: Auf Basis welcher Kriterien werden Schüler in der Verteilerkonferenz ‚verteilt‘? Werden Schüler mit speziellen sonderpädagogischen Förderbedarf ‚vorrangig‘ berücksichtigt? Oder werden Einzelfallentscheidungen getroffen? Gibt es eine verlässlich nachvollziehbare Kriterienreihenfolge, z. B. Entfernung, wie bei den anderen Kindern auch?
  • Qualitätsentwicklung bei Schwerpunktschule: Welche Maßnahmen plant die Schulbehörde, um die Qualitätsentwicklung an Schwerpunktschulen voranzutreiben? In welchem Zeitrahmen werden die Maßnahmen umgesetzt sein? Welche Aufgaben übernimmt hierbei das Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung?
  • Übergänge: Welche Maßnahmen planen Schulbehörde und Elbschule, um den Kommunikationsfluss nach der Verteilerkonferenz zu gewährleisten, damit die Ambulanz möglichst schnell Maßnahmen für den Übergang koordinieren kann? Welche Maßnahmen planen Schulbehörde und Elbschule, um die 4,5Jährigen-Gespräche für Kinder mit Förderbedarf auch für die Familien sinnvoll zu gestalten?
  • Gebärdensprache: Wie unterstützen Schulbehörde, Elbschule, Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung sowie die Politik Schulen, damit sie ein DGS-Wahlpflichtkurs anbieten? Welche Rückmeldungen gab es bisher von Schulen?

Über die Antworten werden wir berichten. Und wer auf dem Laufenden bleiben möchte, kann sich gern für unseren Newsletter anmelden!